Meine MS und ich- wie alles begann…

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Ja was ist es denn? -Oder wie alles begann:

Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Ich erinnere mich gut. Meine Freunde und ich waren an einem Sonntagnachmittag auf einer Kirmes.  Es war August und heiß. Menschenmassen schoben sich im Schritttempo zwischen den Buden und Fahrgeschäften vorbei. Das August-Event des Jahres, für die Umgebung: “Die Cranger-Kirmes” in Herne. Und bei dem Wetter war natürlich jeder unterwegs.
Obwohl es wirklich überlaufen war, hatten wir unseren Spaß. Es war nur ein wenig anstrengend und als wir abends nach Hause fuhren, waren meine Beine schwer, müde und schmerzten.
Den anderen, ging es wohl kaum besser.
Am nächsten Morgen als ich aus dem Bett stieg, fühlte sich mein linkes Bein merkwürdig an. Es war leicht taub und irgendwie kribbelte es und die Kraft fehlte. Wahrscheinlich hatte ich mir einen Nerv eingeklemmt, es irgendwie auf der Kirmes verdreht oder vertreten. Mit diesen Gedanken,  ging ich ein wenig hinkend und unsicher die Treppe in die Küche hinunter und gab nichts weiter drum. Es würde wahrscheinlich in ein bis zwei Tagen erledigt und vergessen sein.Zwei Tage später,  hatte ich einen Kreislaufkollaps. Nichts Außergewöhnliches für mich, da ich seid ich in die Pubertät gekommen war, ständig viel zu niedrigen Blutdruck hatte, passierte es relativ regelmäßig. Nichts desto trotz  schleppte meine Mutter mich zum Arzt. Mütter!
Na und da ich schon einmal da war und das merkwürdige Gefühl im linken Bein nicht besser geworden war, nutzte ich die Gelegenheit und erzählte es dem Arzt.
Seine Reaktion war erschreckender als erwartet.
“Rauchen Sie?” fragte er.
“Ja.” Er nickte nur.
“Nehmen sie die Pille?”
“Ja.”
“Wie lange haben sie diese Missempfindung schon?”
“Seit Sonntag.”
Er bat mich auf die Untersuchungsliege und teste meine Reflexe. Strich mit der spitzen Seite des Hämmerchens ab-
wechselnd über meine Haut. Erst am rechten, dann am linken Bein.
“Spüren sie einen Unterschied?”
Doofe Frage, was denkt der sich denn, den spürte ich doch schon vorher.
“Ja, links spüre ich es nicht so deutlich…” sagte ich kleinlaut.
Dass es dazu doch unangenehm war, verschluckte ich. Einfach weil ich nicht wusste, wie ich es hätte beschreiben sollen. Den Druck spürte ich weniger, aber das Kribbeln war sehr unangenehm. Na und da meine Mutter auch noch anwesend war und mit sorgenvoller Miene zuschaute, mochte ich erst recht nichts mehr sagen. Und sein Gesicht-, irgendwie war es sehr ernst. Dabei war er sonst, eher einer, von der lockeren Sorte.
Das Gleiche machte er an Buch, Armen, Gesicht und Stirn. Und erschwerender Weise musste ich zugeben, dass die beiden Bauchseiten, sich ebenfalls unterschiedlich anfühlten. Das hatte ich gar nicht bemerkt. Naja diese kribbelten auch nicht.
“Mehr zu meiner Mutter als zu mir gewand, sagt er:” Das könnte ein Schlaganfall sein.”
“Was, sie ist doch erst Sechzehn!” rief meine Mutter beinahe vorwurfsvoll, bevor ich hätte was sagen können. Und so wie sie das Reden übernahm, was für sie absolut untypisch war, dachte und fragte sie für mich. Irgendwie hallte in mir nur “Schlaganfall!”
“Das hat nichts zu sagen, es ist inzwischen gar nicht mehr so selten das Mädchen in dem Alter Schlaganfälle bekommen. Ihre Tochter nimmt die Pille, raucht… am besten ich überweise sie in ein Krankenhaus.”
“Nein-” ich war zurück. Ich hatte die letzten zwei einhalb Jahre insgesamt 28 Wochen Krankenhausaufenthalt, wegen der Scheiß- Neurodermitis hinter mir, dass war doch wohl genug. Jetzt hatte ich mit der “Neuro” gerade Ruhe, und nun das. Und das erste Jahr für die PTA-Ausbildung würde in der nächsten Woche anfangen. Ich verpasse doch nicht schon wieder…
“Ich meine, muss das denn wirklich sein? Sind Sie sich sicher…?”
“Naja, zwingen kann ich sie nicht, “er legt den Kopf ein wenig schief,
“Ich schreibe ihnen ein Durchblutungsmittel auf. Aber die Überweisung ins Krankenhaus gebe ich ihnen auch gleich mit.
Und wenn es schlimmer wird fahren sie sofort dahin. Verstanden?” Ich nickte.
“Und wenn es sich nicht bis zum Freitagmorgen verbessert hat, fahren sie am Freitag morgen auch direkt dort hin. Klar.” Ich war baff, so kannte ich ihn gar nicht und wieder nickte ich.
“Und sollte es besser werden, will ich sie auf jedenfalls am Freitag noch mal sehen-”
“Verstanden!” fiel ich ihm diesmal ins Wort.
Seine Gesichtszüge lockerten sich ein wenig und er lächelte wieder, wie üblich,
“Na wird schon wieder, passen sie mir gut auf ihr Töchterchen auf.”
“Werde ich.” versprach meine Mutter, offensichtlich wenig beruhigt.
Wir bedankten uns und verließen die Arztpraxis.

Donnerstagmorgen.
“Guten Morgen. Und-” fragte meine Mutter, als ich in der Küche erschien.
“Morgen. Nichts.”
“Keine Verbesserung?”
“Nein, aber auch keine Verschlechterung.”
Ich flüchtete mich ins Bad. Und wenn’s nun doch ein Schlaganfall ist?

Freitagmorgen.
Ich war noch gar nicht ganz wach, da wurde mir mit einem Male klar, das mein Arm taub war. Und die Hände kribbelten. Schlagartig, war ich hellwach. Ich versuchte mich zu beruhigen und einigermaßen entspannt in die Küche zugehen.
“Guten Morgen. Mama wir müssen ins Krankenhaus fahren.”
Sie schaute mich fragend an.
“Mein Arm ist jetzt auch noch taub.”
“Ok. Mach dich fertig. Deine Sachen packe ich später und bringe sie dir heute Nachmittag.
Du weißt, sie haben’s nicht gerne, wenn man nach Elf kommt. Und bis wir dann da sind…”
“Ja ich weiß. Ich beeile mich.” Sie war überraschend ruhig und so kontrolliert, als hätte sie es schon geplant.
Ich war verunsichert und meine Mutter konnte mein Lächeln nicht täuschen.
Sie lächelte mir immer wieder beruhigend zu und es tat gut.
“Wird schon wieder.” Nickte sie bestätigend.

Im Krankenhaus…
Dieses Mal ging es schneller als üblich. Sollte es an der vermuteten Diagnose, auf den Einweisungspapieren liegen, oder war es nur Zufall. Wir hatten noch keine halbe Stunde gewartet, da wurde ich in den Untersuchungsraum gebeten. Meine Mutter wartete draußen, auf dem Flur. Die Schwester rasselte die üblichen allgemeinen Fragen runter. Zu Personalien, Gewicht, Operationen, Vorerkrankungen…Ich kannte den Fragenkatalog inzwischen Auswendig, ich war genervt und nervös. Aber ich lies es mir nicht anmerken und spielte brav mit. Fieber, Blutdruck und Pulsmessen noch schnell gemessen, und im gehen versicherte sie, dass der Arzt gleich kommen würde.
Ich wartete ca. 10 Minuten, als ich spürte wie meine rechte Hand zu kribbeln begann. Ich hatte es noch gar nicht richtig begriffen, da trat eine Ärztin ein. Sie stellte sich vor und während sie mir ein paar Fragen stellte, schaute sie sich die bisherigen Unterlagen an.
“Sie haben also Taubheitsgefühle und Kribbelgefühle im linken Arm und Bein?”
” Ja und nun beginnt die rechte Hand auch zu kribbeln.” Sie blickte auf und hob eine Augenbraue.
“Der Arm ist nicht taub, aber die Hand und der Unterarm, so bis hier“, ich deutete ca. bis auf die Hälfte des Unterarmes.
“Na dann schauen wir mal.”
Sie machte die gleichen Tests wie mein Hausarzt und dann, ich kam mir vor als wäre ich im Zirkus…
“Bitte legen sie sich aufs Bett, schließen die Augen und fahren mit der rechten Verse langsam am linken Bein vom Fuß bis zum Knie herauf.”
“Gut und nun mit dem anderen Bein wiederholen.”
“Halten sie bitte die Augen geschlossen und tippen sie jeweils mit ihrem Zeigefinger an die Nasenspitze.”
Wir wurden von ihrem Pieper unterbrochen. Sie ging zum Telefon an der gegenüberliegenden Wand.
“Entschuldigen sie mich, ich bin gleich wieder da.” Ich versuchte zu lächeln und nickte.
Meine Nervosität steigerte sich allmählich zu Angst. Und es dauerte eine ganze Zeit, bis ich mir bewusst wurde, dass ich permanent mit meinen Fingern über die Arme und Hände fuhr und versuchte den Empfindungen nachzugehen.
Ruckartig, beendete ich meinen Selbsttest: “Jetzt mach dich nicht noch selbst bekloppt.”
In diesem Moment kehrte die Ärztin zurück, in Begleitung eines Mannes der Eindeutig zu der Weißen-Kittel-Fraktion gehörte.
Ich mein, von Chefarzt-Visiten kenn ich das sie mit bis zu 12 Mann um dein Bett stehen und über dich hinweg und um dich herum Analysieren, von den Oberarztvisiten: Oberarzt, Stationsarzt und Schwester, aber bei der Aufnahme…
“Guten Tag. Mein Name ist Dr. Möller, ich werde ihr Stationsarzt sein.“ Er gab mir die Hand und bevor ich die Begrüßung erwidern konnte, erzählte die Ärztin ihm kurz und knapp was los war. Zu mindest nehme ich das an, weil ich dank der lateinischen Fachbegriffe, nur die Hälfte verstand.
Er nickte und nickte und nickte und dann hörte ich nur.“ Nein, das glaube ich auch nicht…Ja, hört sich mehr nach einer Hirnhautentzündung an. ”
Na zu mindest kein Schlaganfall, das war doch gut, oder? Er hatte mich die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen.
Prüfte nochmals die Reflexe.
“Bitte stehen sie auf, gehen zur Tür und laufen dann bitte mit ausgestreckten Armen und geschlossenen Augen auf mich zu.”
Wenn ich keine Angst gehabt hätte, hätte ich wahrscheinlich einen Lachanfall bekommen. Als ich wieder die Augen öffnete erschrak ich. Ich war alles andere als gerade aus gelaufen, so dass die Ärztin, sich mir, vorsichtshalber schon in den Weg gestellt hatte.
Es folgten noch Test wie auf einen Bein hüpfen, auf der Stelle gehen usw.. So albern wie ich mir dabei vorkam, war mir anhand was ich erlebte alles andere als zum Lachen zumute. Selbst mir war anhand der Ergebnisse klar, dass die so nicht sein durften.
Egal was ich tat, ich driftete immer komplett nach Rechts ab, obwohl ich hätte schwören können, es wäre geradeaus gewesen oder sonst was.
Endlich schien ich die Prozedur hinter mich gebracht zu haben. Denn erdeutete mir mich wieder auf das Bett zu setzen und sagte:
“Also, wir sind uns zu neunzig Prozent sicher, das es sich nicht um einen Schlaganfall handelt. Dieser ist in der Regel von einseitiger Natur und ihre Symptomatik, spricht mehr für eine Entzündung im zentralen Nervensystem. Wir gehen davon aus das es FSME-Frühsommer-Meningoenzephalitis ist, sprich Hirnhautentzündung. Dies wird durch einen Zeckenbiss ausgelöst. Hatten sie einen Zeckenbiss?”
“Ähm- Nein, nicht das ich wüsste.”
“Das kann auch schon vor ein paar Jahren gewesen sein.”
“Nein, auch nicht vor ein paar Jahren.”
“Dann werden sie ihn wahrscheinlich nicht bemerkt habe.”
Eine Schwester wird sie nun auf die Station bringen und ich werde dann, später noch einmal zu ihnen kommen. Um die Diagnose zu festigen und andere Erkrankungen ausschließen zu können, müssen wir eine Lumbalpunktion durchführen. Das bedeutet wir entnehmen ihnen Nervenwasser. Die Schwester wird ihnen alles Nötige, dazu, erklären. Wir brauchen, hierzu, ihre schriftliche Einwilligung.”
Ich nickte und bedankte mich. Eine Schwester sammelte mich und meine Mutter ein und brachte uns zu meinem Zimmer.
“Ich kann ihnen leider kein Mittagessen geben. Sie sollen ja noch eine Lumbalpunktion bekommen, oder.” Ich nickte bloß, Hunger hatte ich eh keinen.
Ich erzählte meiner Mutter auf den Weg nach oben, was der Arzt gesagt hatte. Die Schwester klärte mich darüber auf was eine Lumbalfunktion ist, wie sie durchgeführt wird und erörterte mit mir die Risiken.
“Das unterschreibe ich nicht, tut mir leid!” Antwortete ich heftiger als ich es beabsichtigte.
Die Schwester sah mich zwar überrascht, aber dennoch Verständnis voll an.
“Natürlich lässt du das machen und unterschreibst!” warf Mama ein.
“Bist du verrückt, hast du nicht zu gehört?” Ich war entrüstet, heute glaube ich allerdings, dass es weniger Entrüstung als Angst war.
“Ich lass doch keinen, ohne Betäubung zwischen meine Wirbel mit einer langen Nadel pieksen. Und wenn ich zuck bricht sie ab und ich bin… ”
“Da kann ich sie beruhigen, ich halt sie so fest, das sie nicht zucken können.” versuchte die Schwester mich zu beruhigen.
“Ja aber es kann auch so was passieren ohne das ich Schuld bin. Und dann bin ich nachher Querschnittsgelähmt oder sonst was.”
“Ja genau wie bei jeder Operation, Risiken bestehen. Aber dir ist auch klar, das eine Hirnhautentzündung dich auch in den Rollstuhlbringen…”
“Die können mich ja trotzdem mit Medikamenten voll pumpen…”
“Sandra…”
“Nein!” Mir schoss das Wasser in die Augen und meine Stimme zitterte.
Meine Zimmernachbarin, eine alte Frau, deren Alter sich schwer definieren ließ und an ihr Bett mit Gurten fixiert war stöhnte auf und brabbelte unverständliches Zeug…
Die Schwester musste bemerkt haben, das ich wohl kurz vorm heulen stand, lächelte mich ruhig an, wandte sich zu mir und meiner Mutter:
“Überlegen sie es sich in Ruhe. Die Zeit haben sie. Ich komm später noch einmal wieder. Ok? Und wenn sie Fragen
haben melden sie sich, ja?”
Ich lächelte zitternd zurück und gab versöhnlich hinzu: “Ja, danke schön. Werde ich machen.”
Als sie das Zimmer verlassen hatte, fauchte ich meine Mutter an:
“Du weißt was Lumbalpunktion ist und fällst mir in den Rücken.”
Natürlich wusste sie, was es war, sie war gelernte Kinderkrankenschwester.
“Sandra, aber wenn es doch sein muss…”
“Das muss es ja vielleicht gar nicht. Und wenn doch was passiert…”
“Also ich kenne dutzende Patienten, die es haben machen lassen und ich kenne keinen, dem was passiert wäre…”
“Und was ist mit der Nadel, und das ohne Betäubung, weißt du wie lange ich gebraucht habe, um mich an die Scheiß-Blutentnahmen halbwegs zu gewöhnen? Ich zuck immer noch.”
“Dass du Angst hast, verstehe ich ja, aber es soll nicht wehtun, hast du doch gehört, nur ein unangenehmes Druckgefühl.”
“Hast du das schon mal machen lassen?”
“Nein,..”
“Aber du weißt, das es nicht weh tut, ja…” Ich wurde immer giftiger.
“Ich habe von allen dasselbe gehört, so wie die Schwester es dir auch erklärt hat.”
“Ja klar, ich will dich mal sehen…”
“Ich würde es machen lassen, wenn es sein muss. Zum Spaß macht des wohl niemand.”
erneut stieg mir das Wasser in die Augen,…
“Und was ist mit den starken Kopfschmerzen, danach muss man 12 Stunden liegen, und dann die Übelkeit…” und nickte auf die Alte neben mir, die unaufhörlich brabbelte, stöhnet und in regelmäßigen Abständen an dem Gitter ihres Bettes rüttelte.
“Ja das kommt tatsächlich häufiger vor, vor allem wenn man sich nicht an die Bettruhe hält. Aber das geht ja wieder vorbei.”
“Ich will aber nicht.” Und jetzt lag in meiner Stimme keine Kraft mehr, es war nur noch ein leises klägliches Flehen.
“Ich weiß.- Ich wünschte ich könnte es ändern.”
Ich nickte und wusste sie hätte es getan, wenn sie es gekonnt hätte. Und mir wurde klar, das ich mehr Angst vor der Nadel, den Kopfschmerzen, der Übelkeit hatte, mit dieser Frau auf einem Zimmer zu liegen und nicht in die Raucherecke fliehen zu können, als das es wirklich zu Komplikationen wie einer Querschnittslähmung kommen könnte. Ein- zwei Tränen kullerten über mein Gesicht.
“Und lässt du es machen?”
“Ja, ist gut.” Ich unterschrieb den Zettel, reichte ihn meiner Mutter. “Kannst du ihn der Schwester geben? Und ihr sagen, dass ich mich entschieden habe?”
“Klar.” Sie drückte mich.
Und schniefen fügte ich bei:
“Und frag sie, ob es in Ordnung ist, wenn ich noch eine Rauchen gehe.”
Meine Mutter grinste und ich musste an diesem Tag das erste mal wirklich lächeln. So bin ich halt, was auch passiert- einfach unmöglich!

copyright Sandra Pothmann

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