Kleine Träumerin

Regina saß auf der Kante ihres schmiedeeisernen Bettes. Kein Ehebett, nur ein Doppelbett. Sie starrte auf den Wecker. Morgen würde er, pünktlich um sechs Uhr, ihren Schlaf beenden. Wie jede Nacht. Sie aus ihren Träumen reißen, die sich seit zwei Jahren, immer mit den gleichen Bildern beschäftigten.
Aus dem Kleiderschrank mahnte die Schachtel voller Erinnerungen. Sie wollte sie nicht sehen, aber trotz Einsatz ihrer ganzen Willenskraft, gelang es ihr nicht, sie zu verdrängen.
Wie naiv sie doch war. Als könne man Erlebtes in Schachteln packen und wegschließen.
Sie sah vor sich ihren Ehering, die Fotos ihrer Hochzeit, als würde sie diese in Händen halten. Seine Stimme, sein Geruch und ihre Liebe zu ihm. Alles verknüpft mit dem schalen Geschmack von Verletzungen, Lügen und Demütigungen. Ein Traum der zum Alptraum wurde. Ihr Traum. Wertlos. Bedeutungslos.
Tränen bahnten sich ihren Weg. Sie würde es aushalten. Wie jeden Tag, seit zwei Jahren. Das Weinen würde vergehen. Meist dauerte es nur noch für wenige Augenblicke.
Die Kraft zu Weinen war aufgebraucht. Ihr Leben war auf eine Reihe monotoner Notwendigkeiten reduziert. Sie verfolgte jede Träne, die brennend eine Spur auf ihrem Gesicht zurückließ.
Ihr Schmerz war erträglicher, als das Gefühl der Leere und Erschöpfung danach.
Aber auch diese Leere hatte sie längst gelernt, zu akzeptieren. Sie hatte gelernt, in der Zeit des Nichts-Mehr-Fühlens zu funktionieren, bis zum nächsten Erinnerungsstrom. Begleitet von dem Gefühl der Verlorenheit, das der Verstand niederkämpfen musste.
Nicht, dass sie nicht gerne träumte, ihr Papa hatte sie immer „Kleine Träumerin“ genannt, aber mit dem Erwachsenwerden, relativieren sich die Gefühlswelten. Viel zu lange hatte sie sich an ihren romantischen Träumereien festgehalten und geweigert zuzugeben, dass die Realität anders war. Irgendwann hatte es so kommen müssen. Irgendwann musste jeder Mal erwachsen werden.
Es ließ sich nicht ändern. Inzwischen ertrug sie diese kleinen Gefühlsausbrüche. Sie waren beherrschbar geworden und eines Tages würden sie ganz verschwinden. Da war sie sich ganz sicher.
Das Telefon klingelte. Regina kehrte in die Wirklichkeit zurück. Sie meldete sich mit fester Stimme.
Es war er, der nur mal hören wollte, wie es denn so geht. Bei ihm gäbe es auch nichts Neues. Alle acht Wochen der regelmäßige Anruf seines Schuldgefühls.
Drei Sätze später, war das Gespräch beidseitig zufrieden stellend verlaufen und beendet. Sie waren schließlich zivilisierte, erwachsene Menschen.

Dann schien der Raum immer zur Seite zu kippen. Wie nach jedem Telefonat mit ihm. Vielleicht hätte sie ihn heute endlich zur Rede stellen sollen.
Aber was hätte sie sagen sollen?

Im Grunde war es doch egal. Es hätte doch nichts geändert. Er liebte sie nicht mehr. Er hatte gelogen und selbst Freunde und Familie hatten seine Lügen gestützt. Wer mischt sich schon gerne ein? Das war einzig und allein ihre Sache. Ihre und seine.
Nein, es hätte nichts geändert. Wahrscheinlich alles noch viel komplizierter gemacht. Vielleicht sogar zu Streit geführt. Wem hätte das genutzt?

Heute brauchte sie länger, bevor sie das Gefühlschaos und ihre Gedankenschleifen niedergekämpft hatte und die Welt endlich wieder still stand.
Inzwischen war sie sich nicht einmal mehr sicher, ob es so etwas wie Liebe gab. Sie beschloss ins Bett zu gehen. Sie schloss ihren Teddybär aus längst vergangenen Kindertagen in den Arm. Der Freund, der Schutz bot, Mut verlieh und tröstete. Einfach immer da war. Eine alberne Angewohnheit, seit sie alleine war. Aber sie erlaubte sich diese kleine Verrücktheit. Brauchte ja keiner zu wissen.
Kleine Träumerin…

Sie sehnte sich nach Schlaf. Sie wälzte sich hin und her. Mit jeder Drehung von der einen auf die andere Seite, wühlte es mehr in ihr. Sie hatte lange keine Einschlafprobleme mehr gehabt. Ihre Gedanken begannen eigene, verbotene Wege zu gehen.

Seine Stimme, Bilder, Gefühle, all das nie Gesagte, purzelten, immer schneller durcheinander. Ihr Magen ballte sich zu einem Etwas zusammen. Das in Wellen aufstieg und im Hals schmerzte, weil sie versuchte, es herunterzuschlucken.

Verzweiflung, Hass und Wut stiegen in ihr auf. Sie versuchte, sie wie ausgebrochene Tiger einzufangen und zu beruhigen.

Sie setzte sich auf.
Ihr Körper zitterte. Sie spürte die Spannung bis in den letzten Muskel.

„Das bringt doch nichts.“ Sie versuchte, ruhig zu atmen.
„So was passiert.“ Krampfhaft versuchte sie ihre Gedanken zu ordnen und von ihm weg zu lenken.
Das Zittern wurde zum Erdbeben und sie verlor den Kampf gegen den Schmerz in ihren Hals. Tränen schossen ihr aus den Augen. Ihr verzweifeltes Schluchzen drohte sie zu zerreißen.
Sie sprang aus dem Bett und schlug mit der Hand so fest auf den Lichtschalter, dass sich ihre Hand rötete. Sie nahm es kaum wahr. Riss die Schranktüren auf und schüttete den Inhalt der Schachtel auf den Boden. Sie sah kaum etwas durch den Tränenschleier.
Sie sackte auf den Boden, zwischen die Fotos, ihren Hochzeitsschleier, die getrockneten Rosenblätter, ihren Ehering, eine Spieluhr und vier Schachteln Schlaftabletten. Sie wollte alles in einer verzweifelten Umarmung an ihre Brust drücken. Aber es war zu viel. Die Weinkrämpfe schüttelten sie, als sie begriff, nicht alles festhalten zu können.

Regina erlebte den Moment vor zehn Jahren noch mal, als sie die Spieluhr gekauft hatte. Die sie dann abends freudestrahlend ihrem Mann gezeigt hatte:

„Für unsere zukünftigen Kinder.“
„Ja, irgendwann“, hatte er gesagt, ohne vom Fernseher aufzublicken.

Sie griff nach den Medikamenten. Hielt sie in den Händen. Nicht zum ersten Mal. Sie wiegte sich leicht und betrachtete die farbigen Schachteln in ihrer Hand. Die Tränen versiegten langsam und ihr bebender Körper beruhigte sich.
Ihr Blick wanderte über das Chaos um sie herum und blieb an einem Foto der Hochzeitsgesellschaft haften. Familie, Freunde, umrahmten Braut und Bräutigam, vor der Kirche.
Spontan, zog sie eine kleine Reisetasche aus dem Schrank, warf alles hinein, bis auf dieses Foto. Sie stopfte den Teddybär, der noch auf dem Bett lag, ebenfalls dazu.
Ein wenig unsicher stand sie vom Boden auf. Ihr Gesicht brannte. Sie ging ins Bad, wusch ihr Gesicht und zog sich an, steckte das Foto in ihre Jacke, holte die voll gepackte Tasche, verließ die Wohnung und stieg ins Auto. Sie stellte das Foto gut sichtbar auf das Armaturenbrett und fuhr nach Düsseldorf.
Sie parkte nahe des  Rheinufers, nahm die Reisetasche. Der Weg zum Ufer war durch das Mondlicht gut zu erkennen. Sie stellte die Tasche ab und zog ihre Schuhe aus.
Sie genoss die Einsamkeit und Stille der Nacht. Der kühle Wind streichelte ihre Haut. Ihre Zehen spielten mit dem kalten Sand. Sie warf einen Kieselstein ins Wasser und lauschte seinem plumpsendenGeräusch. Die Ruhe tat gut und gab Kraft. Zum ersten Mal, seit der plötzlichen Trennung vor zwei Jahren, spürte sie ihr Herz schlagen.

Sie atmete die frische Luft tief ein und fühlte, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Es wurde Zeit zu Handeln und endlich ihren Weg zu gehen.
Sie hängte sich die Tasche um und watete Barfuß, mit aufgekrempelten Hosenbeinen, einige Schritt weit ins Wasser. Es war eiskalt und sie hatte Mühe, ruhig zu stehen:
Sie zog den Brautschleier aus der Tasche und legte ihn auf die Wasseroberfläche, warf die Fotos dazu und verstreute die Rosenblätter. Zögerte beim Ehering und warf ihn dann mit aller Kraft in den Fluss. Nahm ihren Teddybär, drückte ihn noch einmal an ihre Brust und legte ihn sanft auf das Wasser zum Schleier.Sie zog die Spieluhr auf und als ihr Lied verklungen war, fand sie den Weg in die Tiefe.
Noch einen Moment blieb sie stehen. Mit nach innen gerichtetem Blick.
Kleine Träumerin…
Sie wand sich zum Gehen ab, sammelte ihre Schuhe ein und ging, ohne noch einmal zurück zu blicken, zum Auto.

Sie warf ihre Schlaftabletten in einen Abfalleimer:
Zeit, erwachsen zu werden. –

Zwei Straßen weiter parkte sie vor dem Haus, das einmal ihr zu Hause gewesen war.
Sie klingelte, so lange, bis drinnen das Licht eingeschaltet wurde. Nur in einen Morgenrock gekleidet, öffnete eine Frau verschlafen die Tür.
Regina schob sie grob zur Seite. Schließlich existierte die doch gar nicht. Das hatte ihr Mann ihr immer wieder versichert.
Sie ging in die Küche. Der Messerblock stand immer noch an seinem Platz. Mit dem großen Fleischmesser hatte sie sich, schon früher, geschnitten. Es war unglaublich scharf.

Er stand jetzt mit der Frau, die es nicht gab, in der Küchentür.
Regina beachtete die hysterischen Schreie nicht, die ihr vorwarfen, sie hätte den Verstand verloren.
Sie fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr. Sie lebte! Als sie sich umdrehte, sah sie nur ihn. Seine Lippen bewegten sich für sie unhörbar, aber in ihrer Erinnerung hörte sie, wie er „Ja, ich will.“ sagte.
Sie stach auf ihn ein bis er blutüberströmt zu Boden sank. Dann schnitt sie sich ohne zu zögern die Pulsadern auf. Sie legte ihren Kopf auf seine Brust und sagte:

„Ja, ich will.“

Copyright Sandra Pothmann

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